Eierstockzysten bei Meerschweinchen

Zysten treten bei allen Säugetieren auf, allerdings entwickeln Meerschweinchen-Weibchen besonders häufig Symptome, die im Zusammenhang mit Zysten stehen. Etwa 90% der Meerschweinchen haben Ovarialzysten, nur ein Teil der Tiere zeigt jedoch Symptome, so dass diese behandelt werden müssen.

herbstWährend einige Meerschweinchen trotz offensichtlich ausgeprägten Ovarialzysten keinerlei Symptome zeigen, fallen andere durch

  • symmetrischen Haarausfall an den Flanken,
  • ihr aufmüpfiges Verhalten (Aggressionen, übersteigertes Sexualverhalten, vermehrtes Besteigen von Artgenossen)
  • Verdauungsstörungen
  • einen großen Bauchumfang (als wenn sie trächtig wären)
  • fehlende Fruchtbarkeit bei Zuchtmeerschweinchen
  • Abmagerung und
  • eine allgemeine Infektanfälligkeit (besonders der Atemwege) auf.

Es werden vier verschiedene Zysten unterschieden:

  • Große, hormonell jedoch nicht aktive Zysten, welche andere Organe verdrängen können. Die Folge können (wiederkehrende) Verdauungsstörungen und Abmagerung der betroffenen Tiere (hervortretende Wirbelsäule), trotz dickem Bauch sein. Die Form wird oft als „birnenförmig“ beschrieben. Durch den aufgebauten Druck auf das Zwerchfell, kann die Atmung verschlechtert werden. Sind keine Symptome vorhanden, müssen diese Zysten jedoch nicht behandelt werden!
  • Kleine, hormonell aktive Zysten, diese verursachen einen hohen Östrogenspiegel, welcher symmetrischen Haarausfall an den Flanken hervorruft. Zudem kann der hohe Hormonspiegel eine Myelosuppression (Knochenmarkssupression) bedingen, welche als Anämie im Blutbild sichtbar wird. Die Tiere zeigen ein übersteigertes Sexualverhalten, Besteigen und Aggressionen. Oftmals ist das Immunsystem auch beeinträchtigt. Zudem wird die Entstehung von Gebärmuttertumoren gefördert.
  • Große Zysten, die eine hohe hormonelle Aktivität aufweisen, solche zeigen die Symptome der beiden oberen Formen, da sie sowohl raumfordernd sind, als auch den Hormonhaushalt beeinflussen.
  • Kleine Zysten ohne hormonelle Aktivität sind bei vielen Meerschweinchen im Alter nachzuweisen, bedürfen aber keiner Behandlung und verursachen keine Krankheitszeichen!

Ursachen und Entstehung

Ovarialzysten entstehen durch eine hormonelle Fehlfunktion, allerdings ist bisher unklar, was diese genau ausgelöst.

Während des normalen Zyklus reifen am Eierstock Follikel, in der Brunst platzen diese eigentlich auf, so dass das Ei befruchtet werden kann. Wenn zu wenig von dem luteinisierendes Hormon (LH) ausgeschüttet wird, kann das Aufplatzen verhindert werden und es entstehen Zysten. Diese kann man sich wie flüssigkeitsgefüllte Blasen vorstellen, wobei  oftmals Geschlechtshormone (Östrogene, Progesteron) in der Flüssigkeit enthalten sind.

Gut ernährte oder übergewichtige (adipöse) Meerschweinchen erkranken deutlich häufiger an Ovarialzysten als ihre Artgenossen.

Häufig werden Mythen zu den Ovarialzysten verbreitet.
So wird immer wieder behauptet, dass das Decken der Meerschweinchen der Entstehung vorbeugen würde. Allerdings erkranken Zuchtmeerschweinchen ebenso häufig wie andere Meerschweinchen an Zysten, was diese These zweifelsfrei widerlegt. Sogar trächtige Meerschweinchen können Zysten aufweisen.
Auch die Anwesenheit eines Böckchens oder die Gruppenhaltung soll der Zystenbildung vorbeugen. Allerdings ist auch dies nicht wissenschaftlich bestätigt. Vielmehr scheinen Einzelmeerschweinchen genauso häufig Ovarialzysten zu entwickeln, wie Artgenossen in Paar- oder Gruppenhaltung, mit oder ohne Böckchen.

Diagnose

Erfahrene Tierärzte sehen schon auf den ersten Blick anhand der auffälligen Körperform, dass eine Zysten-Problematik vorliegen könnte. Durch Abtasten lässt sich dieser Verdacht dann bestätigen. Es gibt jedoch auch kleine Zysten die hormonell aktiv sind und Probleme bereiten. Bei auffälligen Syptomen sollte dieser Verdacht abgeklärt werden.

Auch Verkrustungen an den Zysten können ein Hinweis auf Ovarialzysten sein.

Auch Röntgenbilder und Ultraschalluntersuchungen werden oft zur genauen Diagnostik herangezogen.

Differenzialdiagnosen zum Haarausfall: Schilddrüsenerkrankungen, Parasiten, Hautpilze, Morbus Cushing

Allerdings können Parasiten und Milben auch zusätzlich zur Zyste auftreten, da das geschwächte Immunsystem einen Befall begünstigt.

Behandlung

Hormonelle Behandlung

Die Hormonelle Behandlung bewirkt keine Heilung, sondern unterbricht lediglich für eine Zeit die Hormonproduktion, so dass die Zyste nicht weiter wächst.

Als Medikament wird Ovogest (Humanes Choriongonadotropin, HCG) 100-1000 I.E./kg s.c., entspricht 0,3-3ml/kg
3 × im Abstand von 10–14 Tagen gespritzt (subkutan). Die Behandlung muss meist etwa halbjährlich wiederholt werden.

Invasive Behandlung

Ausdrücken

Das oftmals praktizierte Ausdrücken ohne Narkose ist hoch schmerzhaft und deshalb nicht das Mittel der Wahl. Es sollte wenn überhaupt unter Narkose erfolgen, zudem muss sehr vorsichtig gearbeitet werden, um nicht andere Organe zu verletzten! Es entspricht jedoch einem natürlichen Vorgang, da Zysten durchaus im Körper aufplatzen können.

Punktion

Diese wird unter leichter Narkose vorgenommen. Die Zyste wird mit einer Nadel punktiert und die Flüssigkeit so herausgezogen. Bei sehr großen Zysten sollten zunächst nur eine Zyste punktiert werden, damit das Meerschweinchen den Volumenverlust besser verkraften kann.

Wichtig: Der Flüssigkeitsverlust muss unbedingt durch eine Infusion vor der Punktion ausgeglichen werden. Dabei wird die Menge, welche entfernt werden soll, infundiert.

Ggf. muss die Punktion zusätzlich mit einem Ultraschallgerät kontrolliert werden, insbesondere bei mehr-kammerigen Zysten.

Durch die Gabe von Ovogest kann das schnelle Auffüllen der Zysten verhindert werden.

Kastration

Die einzige Methode, Zysten zu „heilen“ ist die vollständige Entfernung, also Kastration des Meerschweinchens (Ovariektomie oder Ovariohysterektomie). Dieser Eingriff ist allerdings eine relativ große Operation und deshalb genau abzuwägen. Dabei können die Eierstöcke mit entnommen werden.

Homöopathische Behandlung

Um das hormonelle Ungleichgewicht sanft wieder ins Gleichgewicht zu bekommen und das Allgemeinbefinden zu verbessern, haben sich homöopathische Präparate bewehrt, die als erste Wahl probiert werden sollten. Bei den meisten Meerschweinchen schlagen sie gut an.

Bei Tieren, deren Immunsystem durch die Zysten geschwächt ist, kann Zylexis oder auch

  • Engystol von Heel, 2-3x/Wo., 0,5ml/kg gespritzt oder 2-3x tägl. über das Futter

verabreicht werden.

Weitere Kontroll-Untersuchungen

Werden die Ovarialzysten nicht vollständig entfernt, so ist es anzuraten, regelmäßig Kontrolluntersuchungen vornehmen zu lassen, um die weitere Entwicklung der Zysten festzustellen. Dafür eignen sich beispielsweise Ultraschall-Untersuchungen. Zudem sollte gezielt auf Symptome geachtet werden, da die Zysten wieder aktiv werden können und so u.U. einen erheblichen Leidensdruck verursachen. Sollte dauerhaft keine Besserung erzielt werden können, ist eine Kastration anzuraten.

Quellen u.a.

Ewringmann, A. (2010). Ovarialzysten beim Meerschweinchen. team. konkret, 6(01), 4-7.

Ewringmann, A.; Glöckner, B. (2012): Leitsymptome bei Meerschweinchen, Chinchilla und Degu: Diagnostischer Leitfaden und Therapie. Georg Thieme Verlag.

Glöckner, B. (2011): Ovarialzysten beim Meerschweinchen–Ein Update. kleintier konkret, 14(06), 12-18.

Hamel, I. (2002). Das Meerschweinchen als Patient. Georg Thieme Verlag.

Riecken, A. (2008): Untersuchungen zu Ovarialzysten beim Meerschweinchen. Vet. med. Dissertation, Hannover.

Sommerey, C. C.; Köhler, K.; und Reinacher, M. (2004). Erkrankungen des Meerschweinchens aus Sicht der Pathologie. Tierärztliche Praxis Kleintiere, 32(6), 377-383.

Zinke, J. (2009): Biologische Behandlung von Ovarialzysten beim Meerschweinchen. Biologische Tiermedizin, 19.

Zinke, J. (2004): Ganzheitliche Behandlung von Kaninchen und Meerschweinchen: Anatomie, Pathologie, Praxiserfahrungen. Georg Thieme Verlag.

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