Haarballen, Verstopfung

img_1209lhq28Eine Verstopfung ist zunächst dadurch erkennbar, dass weniger oder gar kein Kot mehr abgesetzt wird. Werden noch kleine Mengen Kot ausgeschieden, dann sind die Köttel hart, klein und deutlich kantiger als sonst. Wenn nur kleinerer, kantiger Kot abgesetzt wird, ist es lediglich eine beginnende Verstopfung, die keine tierärztlichen Therapie, sondern eine Nahrungsumstellung erfordert. Ebenfalls wird kein Kot abgesetzt, wenn das Meerschweinchen wegen einer anderen Erkrankung nicht frisst!

Ursachen

  • Zu den häufigsten Ursachen gehört das Fressen von (Klump-)Katzenstreu, Strohpellets, Futterpellets, Karton, Stoffen, Teppichen, Vetbeds/Isobeds oder anderen Dingen, die im Magen und Darm stark aufquellen oder verklumpen (z.B. auch Fremdkörper).
  • Verstopfungen werden stark begünstigt oder sogar ausgelöst, wenn das Meerschweinchen sehr trocken, energiereich oder proteinreich ernährt wird. Der trockene Nahrungsbrei kann dadurch nicht angefeuchtet werden und rutscht nicht weiter. Die natürliche Nahrung besteht zu 70-80% aus Flüssigkeit (Frischfutter), daher ist die Meerschweinchen-Verdauung auf einen sehr feuchten Nahrungstransport ausgelegt.
  • Ein Parasitenbefall mit Kokzidien, seltener auch mit Hefepilzen oder Würmern kann Verstopfungen auflösen. Geben Sie eine Kotprobe von drei Tagen ab um Parasiten auszuschließen.
  • Kein freier Zugang zu Trinkwasser kann Verstopfungen verursachen.
  • Infektionserkrankungen
  • Raumeinnehmende Erkrankungen der Gebärmutter, Zysten oder anderer Organe
  • Auch Bewegungsmangel, eine Haltung, welche die Bewegung einschränkt und/oder
  • Verfettungen können eine Verstopfung verstärken.
  • Grundsätzlich verstärkt eine faserarme, trockene oder schlecht verdauliche Nahrung die Obstipation.
  • Auch wenn plötzlich größere Mengen Trockenfutter oder Leckerlis gegeben werden, kommt es oft zu Verstopfung.
  • Zahnerkrankungen
  • Eine Unterfunktion der Schilddrüse kann ebenfalls Verstopfungen auslösen.
  • Machmal führt auch die Aufnahme von viel Fell (durch das Putzen des eigenen Felles oder des Fell anderer Meerschweinchen im Fellwechsel oder durch das krankhafte Ausreißen von eigenen Fell), das sich im Darm zu einem festen Ballen verknotet (Bezoar, Haarballen) zu Verstopfungen. Meistens machen Haarballen jedoch nur Probleme, wenn nicht rein mit Frischfutter ernährt wird, sondern irgendeine Art von Trockenfutter, Haferflocken etc. gereicht wird oder Grünfutter nicht 14 Std. am Tag verfügbar ist, so dass die Tiere künstlich viel Heu fressen.

Behandlung und Pflege

Wird gar kein Kot mehr abgesetzt, ist ein sofortiger Tierarztbesuch nötig. Hält eine Verstopfung länger an, so kann sie lebensgefährlich werden. Um eine Verstopfung zu beseitigen (bei der oft auch die Nahrungsaufnahme eingestellt wird), bietet man dem Meerschweinchen am besten sämtliche Küchen- und Wildkräuter frisch an, auch Luzerne, Klee, Kohl und Wiesenkräuter sollten zur Verfügung stehen. Zusätzlich müssen Pflanzenöl (2-5 ml/kg, 3-5x tägl.), oder noch besser Rodicare akut (ca. 3 Tropfen/kg, 3x tägl.), verabreicht werden, es wirkt genauso gut wie Paraffinöl und hat weniger Nebenwirkungen. Der Tierarzt gibt Infusionen (20-40 ml/kg), Schmerzmittel (z.B. Novalgin, 10-20 mg/kg, 2-3x tägl.), Simeticon (Sab Simplex, Dimeticon…) und MCP als Injektion oder Tropfen (1-5 mg, 1-3x tägl. – nicht längerfristig!). Zudem klärt er Folgeerkrankungen ab und behandelt diese (z.B. Blähungen). Bewegung löst oft und reduziert das Risiko für Verstopfungen. Eine sanfte Bauchmassage kann ebenfalls unterstützend wirken. Der Tierarzt kann erklären, wie gezielt massiert werden kann. Erfahrungsgemäß wirken sich Streckbewegungen lösend aus. Auch Pflanzensäfte (reiner Obstsaft wie z.B. Ananassaft, Karottensaft) können angeboten werden, um die Flüssigkeitsaufnahme zu erhöhen. Eingeweichte Leinsamen oder Flohsamenschalen können den Abgang Verstopfung unterstützen. RodiCare Hairball hat sich ebenfalls bewehrt. Auch reine Kräutertees sind geeignet. Bei Haarballen sollte auf jeden Fall das betroffene Meerschweinchen und alle anderen Meerschweinchen der Gruppe sorgfältig täglich gekämmt werden so dass beim Putzen keine weiteren Haare aufgenommen werden, die das Ganze noch verschlimmern können. Lactulose (Albrecht) und Leinkuchenpellets können ebenfalls lösend wirken. Um die Verstopfung langfristig zu beheben, muss die Ursache gefunden und beseitigt werden (z.B. andere Fütterung, andere Einstreu). Anschließend ist eine grünfutterreiche (so viel Wiesenkräuter und/oder Gemüsegrün wie sie wollen), durch Gemüse und Heu ergänzte Ernährung zu empfehlen. Gerade die Frischfutteraufnahme ist sehr wichtig um Verstopfungen vorzubeugen, eine trockene Ernährung führt unweigerlich zu wiederholten Verstopfungen.

Auf keinen Fall darf zugefüttert/gepäppelt/zwangsernährt werden! Der Verdauungstrakt ist so schon völlig überfüllt, eine zusätzliche Nahrungsaufnahme in dieser massiven Form verstärkt das Problem und kann zum Tod führen.

Folgende Ernährungs- und Haltungsfehler begünstigen eine lebensbedrohliche Verstopfung:

  • Heu als Grundnahrung mit Frischfutterportionen
  • Heu als Grundnahrung mit Trockenfutter & Frischfutter (das Trockenfutter saugt auch noch das gesamte Wasser weg)
  • Heuernährung,
  • Trockenfutter-Ernähhrung und
  • Fütterungsformen mit geringen Fasergehalt: Zu viel Kraftfutter (Samen, Getreide etc.), handelsübliches Trockenfutter etc. Das Trockenfutter saugt nicht nur die Flüssigkeit weg, sondern hat kaum Wassergehalt und auch kaum Rohfaser.

Maltpaste? Bezo-Pet-Paste?

Die Zusammensetzung dieser Pasten ist größtenteils fehlerhaft oder gar nicht auf der Verpackung aufgeführt. Meistens wird nur die Wirkung beschrieben, die laut Packungen auf drei Faktoren beruht: Pflanzenöle und -fette, Ballaststoffe und Malt, der verdauungsfördernd sein soll. Katzenpasten sind nahezu identisch mit Meerschweinchenpasten und werden von vielen Haltern auch verwendet. Ballaststoffreich sind diese Pasten jedoch nur für Katzen. Jegliches Meerschweinchen-Futter (Kräuter, Heu, Äste) enthält deutlich mehr Ballaststoffe als diese Pasten! Meerschweinchen nehmen bei normaler Ernährung sehr viel mehr Ballaststoffe als Katzen auf. Was für die Katzen ballaststoffreich ist, kann man für Meerschweinchen als ballaststoffarm einstufen. Malz (Malt) sind Getreidekeime die nach kurzer Ankeimung getrocknet und verarbeitet werden. Oft handelt es sich um den schlecht verdaulichen Weizen. Hinzu kommt eine Menge an Zusatzstoffen die den Meerschweinchen schaden können. Der einzige Bestandteil, der einen Nutzen hat, ist das Pflanzenöl. Dieses kann auch in anderer, gesünderer Form eingegeben werden (pur oder z.B. als „RodiCare akut“). Die Pasten enthalten keine Wirkstoffe die gegen Haarballen helfen könnten. Dafür sind viele schädliche Stoffe enthalten und die meisten Inhaltsstoffe sind nicht angegeben.
Besser geeignet ist RodiCare Hairball, das auf aufgequollenen Flohsamen basiert.

Quellen u.a.

Endlicher, M. (2013): Haltungsbedingte Gesundheitsschäden bei Kaninchen und Meerschweinchen in Privathaushalten und daraus resultierende Haltungsempfehlungen zur Durchführung des § 2 (3) Tierschutzgesetz. Hannover, Tierärztliche Hochschule, Diss.

Ewringmann, A.; Glöckner, B. (2012): Leitsymptome bei Meerschweinchen, Chinchilla und Degu: Diagnostischer Leitfaden und Therapie. Georg Thieme Verlag.

Hamel, I. (2002). Das Meerschweinchen als Patient. Georg Thieme Verlag.

Zinke, J. (2005): Behandlung nichtinfektiöser Erkrankungen bei Kaninchen und Meerschweinchen. Biologische Tiermedizin, 59.

Zinke, J. (2004): Ganzheitliche Behandlung von Kaninchen und Meerschweinchen: Anatomie, Pathologie, Praxiserfahrungen. Georg Thieme Verlag.

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