Grützbeutel, Talgzyste oder doch ein Tumor?

Ein Atherom beim Meerschweinchen ist eine verstopfte Talgdrüse unter der Haut und zeigt sich meist als rundlicher Knoten. Umgangssprachlich wird die Veränderung auch als Grützbeutel oder Talgzyste bezeichnet. Medizinisch handelt es sich häufig eher um eine epidermale beziehungsweise follikuläre Zyste, die mit Hornmaterial, dem sogenannten Keratin, gefüllt ist.

Solche Zysten sind grundsätzlich gutartig. Ein Hautknoten kann äußerlich jedoch nicht sicher von einem Abszess, einem Lipom, einem Haarfollikeltumor oder einer bösartigen Umfangsvermehrung unterschieden werden. Deshalb sollte jeder neu entdeckte oder wachsende Knoten tierärztlich abgeklärt werden.

Wichtig: Bitte nicht selbst ausdrücken! Durch den Druck können sich Kapselreste entzünden und zu einem schmerzhaften Abszess führen.


Das Wichtigste in Kürze

  • Ein sogenanntes Atherom ist meistens eine mit Keratin gefüllte Zyste eines Haarfollikels.
  • Der Begriff „Talgzyste“ ist häufig ungenau, da der Inhalt überwiegend aus Hornmaterial und nicht aus Talg besteht.
  • Ein vermeintlicher Grützbeutel kann auch ein Abszess oder Tumor sein.
  • Der Knoten darf nicht selbst ausgedrückt oder aufgestochen werden.
  • Die Behandlung der Wahl ist bei einem störenden, wachsenden oder unklaren Befund meist die vollständige operative Entfernung mit anschließender feingeweblicher Untersuchung.

Beim Meerschweinchen können epidermale Zysten eigenständig oder gemeinsam mit bestimmten Haarfollikeltumoren auftreten. Das Trichofollikulom ist eine wichtige Differenzialdiagnose, da es ebenfalls zystische Bereiche und grützartiges Material enthalten kann.

Was ist ein Atherom?

Der Begriff Atherom wird im alltäglichen Sprachgebrauch für einen mit weißlichem bis gelblich-bräunlichem Material gefüllten Hautknoten verwendet. In der veterinärmedizinischen Pathologie werden viele dieser Veränderungen als epidermale oder infundibuläre Follikelzysten bezeichnet.

Dabei erweitert sich der obere Abschnitt eines Haarfollikels zu einem Hohlraum. Die Zystenwand besteht aus verhornendem Plattenepithel und produziert fortlaufend Keratin. Dieses Hornmaterial sammelt sich im Inneren und kann eine pastöse, bröckelige, käsige oder grützartige Konsistenz annehmen.

Der Inhalt besteht deshalb nicht ausschließlich oder überwiegend aus Talg. Die Bezeichnungen „Talgzyste“ und „Talgdrüsenzyste“ sind für viele dieser Veränderungen fachlich nicht korrekt.

Ist ein Atherom ein Tumor?

Eine einfache epidermale Zyste ist keine Krebserkrankung. Sie ist eine gutartige, nicht neoplastische Veränderung.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder ähnlich aussehende Knoten tatsächlich eine harmlose Zyste ist. Beim Meerschweinchen können insbesondere gutartige Haarfollikeltumoren zystisch aufgebaut sein und große Mengen Keratin enthalten. Auch bösartige Tumoren können zunächst als unscheinbarer Haut- oder Unterhautknoten auffallen.

Eine Untersuchung von 619 Biopsien äußerlich tastbarer Umfangsvermehrungen bei 493 Meerschweinchen zeigte, dass neben zahlreichen gutartigen Veränderungen auch ein relevanter Anteil bösartiger Befunde vorkam. Unter den acht häufigsten Diagnosen waren 18,4 Prozent bösartig.

Wie entsteht ein Grützbeutel?

Die Zyste entsteht durch eine Erweiterung oder Fehlentwicklung eines Haarfollikels. Abgeschilferte, verhornte Zellen werden nicht mehr regulär an die Hautoberfläche abgegeben, sondern sammeln sich im Inneren des Follikels.

Die Zystenwand produziert weiterhin Keratin. Dadurch kann der Knoten über Wochen, Monate oder sogar länger langsam größer werden.

Warum eine solche Zyste bei einem einzelnen Meerschweinchen entsteht, lässt sich häufig nicht eindeutig feststellen.

Wie sieht ein Atherom beim Meerschweinchen aus?

Ein Atherom kann sich als kleiner, rundlicher oder ovaler Knoten in der Haut oder Unterhaut bemerkbar machen. Häufig wächst die Veränderung zunächst langsam und verursacht keine erkennbaren Beschwerden.

Mögliche Merkmale sind:

  • ein klar abgrenzbarer, rundlicher Knoten
  • langsames Wachstum
  • eine zunächst verschiebliche Umfangsvermehrung
  • glatte, gespannte oder haarlose Haut über dem Knoten
  • eine kleine zentrale Öffnung oder ein dunkler Punkt
  • weißlicher, gelblicher, graues oder bräunlicher Ausfluss
  • eine pastöse, krümelige oder grützartige Füllung

Diese Merkmale sind jedoch nicht spezifisch. Auch ein Trichofollikulom kann als langsam wachsender, ovaler und teilweise zystischer Knoten auftreten. Beim Meerschweinchen befindet sich dieser gutartige Haarfollikeltumor häufig am Rücken, im Lenden- oder Kreuzbeinbereich sowie seitlich am Rumpf oder Oberschenkel.

Woran erkennt man eine Entzündung?

Ein zunächst unauffälliges Atherom kann sich entzünden, aufbrechen oder durch Reibung und Benagen verletzt werden.

Warnzeichen sind:

  • plötzlich deutlich schnelleres Wachstum
  • Rötung oder Überwärmung
  • Schmerzhaftigkeit
  • eine offene oder blutende Oberfläche
  • nässendes oder übel riechendes Sekret
  • Schwellung des umliegenden Gewebes
  • vermehrtes Kratzen oder Benagen
  • verminderte Futteraufnahme
  • Gewichtsverlust oder ein reduzierter Allgemeinzustand

Reißt die Zystenwand, kann Keratin in das umliegende Gewebe gelangen. Freies Keratin löst häufig eine ausgeprägte Fremdkörperreaktion mit Entzündung aus. Zusätzlich kann sich die Veränderung bakteriell infizieren.

Welche Erkrankungen können ähnlich aussehen?

Kaudaldrüse mit Ausfluss.

Meerschweinchen besitzen zwei wichtige Hautdrüsen: die Kaudaldrüse (oberhalb des Afters) und die Perinealdrüse in der Perinealtasche (zwischen Anus und Geschlechtsorgan). Sie dienen der Reviermarkierung und der Produktion von Sexuallockstoffen (Pheromonen). Die Kaudaldrüse sollte nicht mit einem Atherom verwechselt werden!

Nicht jeder Grützbeutel ist tatsächlich eine epidermale Zyste. Zu den möglichen Differenzialdiagnosen gehören:

  • Abszess
  • Kieferabszess
  • Trichofollikulom
  • Trichoepitheliom
  • Lipom
  • entzündeter Haarfollikel
  • Talgdrüsentumor
  • vergrößerter Lymphknoten
  • Gesäugetumor
  • Schilddrüsentumor
  • Lymphom
  • Weichteilsarkom
  • andere gutartige oder bösartige Hauttumoren

Besonders bei Knoten am Unterkiefer, Hals, in der Achsel, in der Leiste oder im Bereich des Gesäuges muss geklärt werden, aus welcher anatomischen Struktur die Veränderung hervorgeht.

Diagnose: Wie wird ein Atherom festgestellt?

Ein Hautknoten sollte zunächst vollständig abgetastet und hinsichtlich seiner Lage, Größe, Verschieblichkeit, Konsistenz und Wachstumsgeschwindigkeit beurteilt werden. Auch die Hautoberfläche und die umliegenden Lymphknoten werden kontrolliert.

Feinnadelaspiration und Zytologie

Bei einer Feinnadelaspiration werden mit einer dünnen Kanüle Zellen oder Material aus dem Knoten gewonnen. Die Probe kann anschließend mikroskopisch untersucht werden.

Bei einer epidermalen Zyste können zahlreiche verhornte Plattenepithelzellen und Keratinbestandteile sichtbar sein. Die Zytologie kann helfen, eine entzündliche Veränderung von bestimmten Tumoren zu unterscheiden. Keratinhaltige Zysten und zystische Haarfollikeltumoren können sich in einer kleinen Probe ähneln.

Ultraschall und weitere Bildgebung

Bei größeren, tief liegenden oder schlecht abgrenzbaren Knoten kann eine Ultraschalluntersuchung sinnvoll sein. Sie kann Hinweise darauf geben, ob die Veränderung überwiegend fest, flüssigkeitsgefüllt oder zystisch ist und wie sie mit dem umliegenden Gewebe verbunden ist.

Bei Knoten am Kiefer, Hals oder in der Nähe tieferer Strukturen können je nach Befund zusätzlich Röntgen, Computertomografie oder andere Untersuchungen erforderlich sein.

Histopathologische Untersuchung

Die zuverlässigste Einordnung erfolgt durch die feingewebliche Untersuchung einer Gewebeprobe oder des vollständig entfernten Knotens. Dabei werden Aufbau und Herkunft der Veränderung mikroskopisch beurteilt.

Nur die Histopathologie kann häufig sicher unterscheiden, ob eine einfache Zyste, ein Trichofollikulom oder eine andere gutartige beziehungsweise bösartige Veränderung vorliegt. Entfernte Knoten sollten deshalb möglichst zur Untersuchung an ein veterinärpathologisches Labor eingesandt werden. Die große Bandbreite histologisch festgestellter Diagnosen bei äußerlich ähnlich erscheinenden Knoten unterstreicht die Bedeutung dieser Untersuchung.

Behandlung eines Atheroms

Vollständige operative Entfernung

Bei einem wachsenden, entzündeten, störenden oder diagnostisch unklaren Atherom ist die vollständige chirurgische Entfernung in der Regel die Behandlung der Wahl.

Dabei wird nicht nur der sichtbare oder ausdrückbare Inhalt entfernt, sondern möglichst die gesamte Zyste einschließlich ihrer Wand. Das entfernte Gewebe sollte anschließend histopathologisch untersucht werden.

Beim Meerschweinchen werden sowohl eigenständig auftretende Epidermoidzysten als auch Trichofollikulome überwiegend chirurgisch behandelt.

Eine frühe Entfernung kann vorteilhaft sein, solange der Knoten noch klein, gut abgrenzbar und nicht entzündet ist. Nach einer Ruptur können Zystenwand und umliegendes Gewebe durch die Entzündungsreaktion miteinander verkleben, wodurch die vollständige Präparation schwieriger werden kann.

Ob operiert wird, muss dennoch individuell entschieden werden. Zu berücksichtigen sind insbesondere:

  • Lage und Größe des Knotens
  • bisherige Wachstumsgeschwindigkeit
  • Entzündung oder Verletzung
  • Beeinträchtigung der Bewegung
  • Manipulation durch das Meerschweinchen
  • Alter und Allgemeinzustand
  • Begleiterkrankungen
  • zu erwartender Nutzen und Narkoseaufwand

Reicht es, den Grützbeutel zu entleeren?

Das bloße Öffnen oder Entleeren entfernt die Zystenwand nicht. Das Keratin kann sich deshalb erneut ansammeln.

Zudem kann das Ausdrücken dazu führen, dass Keratin in das umliegende Gewebe gepresst wird. Dadurch kann eine schmerzhafte Fremdkörperentzündung oder ein Abszess entstehen.

In einzelnen Fällen können andere Verfahren notwendig oder vertretbar sein. Für eine minimalinvasive Entfernung bestimmter zystischer Hautveränderungen beim Meerschweinchen existieren Fallberichte. Diese Verfahren sind jedoch nicht für jeden Knoten geeignet und ersetzen keine vorherige diagnostische Einordnung.

Darf ich das Atherom selbst ausdrücken?

Nein. Ein vermeintliches Atherom sollte nicht selbst ausgedrückt, aufgestochen oder aufgeschnitten werden.

Dagegen sprechen mehrere Gründe:

  • Die Diagnose ist nicht gesichert.
  • Es könnte sich um einen Abszess oder Tumor handeln.
  • Bakterien können in das Gewebe eingebracht werden.
  • Die Zystenwand bleibt zurück.
  • Der Knoten kann sich erneut füllen.
  • Keratin kann in das umliegende Gewebe gelangen und eine starke Entzündung oder Abszesse verursachen.
  • Blutgefäße und andere Strukturen können verletzt werden.

Öffnet sich der Knoten von selbst, sollte er nicht weiter ausgepresst werden. Die Stelle kann vorsichtig mit steriler Kochsalzlösung sauber gehalten und zeitnah tierärztlich untersucht werden.

Nachsorge nach der Operation

Nach der Entfernung müssen insbesondere Futteraufnahme, Körpergewicht, Kotabsatz und Operationswunde kontrolliert werden.

Das Meerschweinchen sollte nach der Narkose möglichst bald wieder selbstständig fressen. Frisst es nicht ausreichend, ist eine tierärztlich angeleitete unterstützende Fütterung erforderlich.

Die Wunde sollte täglich kontrolliert werden. Zunehmende Rötung, Schwellung, Wärme, Sekret, Blutungen oder ein Aufgehen der Naht müssen der behandelnden Praxis gemeldet werden.

Schmerzmittel und weitere Medikamente dürfen ausschließlich entsprechend der tierärztlichen Verordnung gegeben werden. Bei einer bakteriellen Infektion kann eine gezielte antimikrobielle Behandlung erforderlich sein.

OP Nachsorge

Prognose

Bei einer vollständig entfernten und histologisch bestätigten epidermalen Zyste ist die Prognose normalerweise sehr gut. Eine solche Zyste bildet keine Metastasen.

Bleibt Zystengewebe zurück oder wurde die Veränderung lediglich entleert, kann sie sich erneut füllen. Unabhängig davon können bei einzelnen Meerschweinchen später weitere Hautknoten an anderen Körperstellen auftreten.

Wird bei der feingeweblichen Untersuchung statt einer einfachen Zyste ein Tumor festgestellt, richtet sich die Prognose nach Tumorart, Lage, Vollständigkeit der Entfernung und biologischem Verhalten.

Viele Haut- und Unterhauttumoren des Meerschweinchens sind gutartig. In Untersuchungen wurden jedoch auch bösartige Tumoren nachgewiesen. Eine sichere Prognose allein anhand des Aussehens oder der Konsistenz des Knotens ist daher nicht möglich.

Wann sollte das Meerschweinchen zum Tierarzt?

Ein neu entdeckter Knoten sollte grundsätzlich untersucht werden. Besonders zeitnah ist eine Vorstellung erforderlich, wenn:

  • der Knoten schnell wächst
  • die Stelle gerötet, warm oder schmerzhaft ist
  • Blut, Eiter oder übel riechendes Sekret austritt
  • die Haut offen oder geschädigt ist
  • der Knoten fest mit dem Untergrund verbunden erscheint
  • das Meerschweinchen die Stelle benagt
  • der Knoten am Kiefer, Hals oder Gesäuge liegt
  • das Tier weniger frisst oder Gewicht verliert
  • weniger oder kein Kot abgesetzt wird
  • Schluck- oder Atemprobleme auftreten
  • sich der Allgemeinzustand verschlechtert

Häufige Fragen zum Atherom beim Meerschweinchen

Ist ein Atherom beim Meerschweinchen gefährlich?

Eine einfache epidermale Zyste ist gutartig. Gefährlich werden kann sie, wenn sie stark wächst, aufbricht, sich entzündet oder wichtige Strukturen beeinträchtigt. Außerdem kann ein ähnlich aussehender Knoten eine andere Erkrankung sein.

Kann ein Grützbeutel von selbst verschwinden?

Eine vollständige Rückbildung ist nicht zu erwarten, solange die Zystenwand weiterhin Keratin produziert. Der Knoten kann sich vorübergehend entleeren, sich anschließend jedoch erneut füllen.

Muss jedes Atherom operiert werden?

Nicht jeder kleine Hautknoten muss sofort operiert werden. Bei einem sicher diagnostizierten, kleinen und unveränderten Befund kann eine kontrollierte Beobachtung im Einzelfall vertretbar sein. Die Datenlage zur langfristigen konservativen Behandlung epidermaler Zysten beim Meerschweinchen ist allerdings begrenzt.

Wachsende, entzündete, wiederholt aufbrechende oder diagnostisch unklare Veränderungen sollten in der Regel entfernt und histologisch untersucht werden.

Kann man ein Atherom mit einer Salbe behandeln?

Eine Salbe kann die Zystenwand nicht entfernen. Reizende Salben, ätherische Öle und aggressive Desinfektionsmittel können die Haut zusätzlich schädigen. Eine lokale Behandlung sollte deshalb nur nach tierärztlicher Untersuchung erfolgen.

Ist ein Atherom ansteckend?

Eine einfache epidermale Zyste ist nicht ansteckend. Ist die Stelle jedoch entzündet oder offen, können zusätzlich Bakterien beteiligt sein. Eine genaue Untersuchung ist dann besonders wichtig.

Kann ein Atherom nach der Operation wiederkommen?

Ein Wiederauftreten ist möglich, wenn Teile der Zystenwand zurückbleiben. Auch an anderen Körperstellen können neue Zysten oder unabhängige Hautknoten entstehen.


Quellen

  1. Dobromylskyj MJ, Hederer R, Smith KC. Lumpy, bumpy guinea pigs: a retrospective study of 619 biopsy samples of externally palpable masses submitted from pet guinea pigs for histopathology. Journal of Comparative Pathology. 2023;203:13–18. DOI: 10.1016/j.jcpa.2023.04.001.
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  3. Merck Veterinary Manual. Noninfectious Diseases of Guinea Pigs: Neoplasia in Guinea Pigs. Angaben zu Trichofollikulomen und Epidermoidzysten.
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  5. Garner MM. Cytologic Diagnosis of Diseases of Rabbits, Guinea Pigs, and Rodents. Veterinary Clinics of North America: Exotic Animal Practice. 2007;10:25–49. DOI: 10.1016/j.cvex.2006.10.002.